„EIN JEGLICHES HAT SEINE ZEIT“ DR. ULRICH NETH VERABSCHIEDET SICH ALS GESCHÄFTSFÜHRENDER VORSTAND

„EIN JEGLICHES HAT SEINE ZEIT“ DR. ULRICH NETH VERABSCHIEDET SICH ALS GESCHÄFTSFÜHRENDER VORSTAND

REHN MAGAZIN: Herr Dr. Neth, Sie haben mit Ablauf des Jahres 2020 die Tätigkeit als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Hans Rehn Stiftung abgegeben. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

DR. NETH: Im November 2020 habe ich das 80. Lebensjahr vollendet. Es ist eine große biblische Weisheit („Der Prediger Salomon 3“), dass „ein Jegliches seine Zeit“ hat. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt auf ein bestimmtes Ereignis festgelegt. Jedoch ergibt sich ein solcher Entschluss aus der Selbstbetrachtung der noch vorhandenen Fähigkeiten, insbesondere aber der schwindenden gesundheitlichen Kräfte. Ein glückliches Ereignis war es auch, mit Herrn Andreas Bouley einen kompetenten Nachfolger gefunden zu haben. Rückblickend waren die sieben Jahre als geschäftsführendes Vorstandsmitglied spannend und arbeitsreich. Sie bereiteten Freude und waren geprägt vom Vertrauen des Vorstands. Meine Frau musste manches Mal etwas zurücktreten, manches Mal konnte sie aber auch während der Sitzungszeit des Vorstands in Rohr die Stuttgarter City genießen.

REHN MAGAZIN: Sie sind, ich hoffe, ich darf das so sagen, erst im gereiften Alter in den Vorstand eingetreten und haben die Geschäftsführung nach Herrn Dr. Heinz Muschel übernommen. Bedarf es dazu der Weisheit und der Erfahrung des Alters?

DR. NETH: Nein, dazu bedarf es nicht eines hohen „Öxlegrads“, eher einer gewissen Erfahrung. Vielleicht gibt die mit dem Ruhestand verbundene Lockerheit und Beschwingtheit einen besonderen Impuls und erhöht die Bereitschaft sich einer neuen Herausforderung anzunehmen. Ich hatte schon während meiner aktiven Zeit im Gesundheitsund Sozialministerium Baden-Württemberg und danach als Präsident des Landesversorgungsamts Baden-Württemberg zwei Ehrenämter inne: Seit 22 Jahren im Kuratorium, zeitweilig als dessen Vorsitzender, des Albert-Schweitzer- Kinderdorfes e. V. in Waldenburg/ Hohenlohekreis und bis vor kurzem lange Jahre im Landes-Kuratorium des nach dem Kriege ehemals von Carlo Schmid in Tübingen gegründeten, jetzt in Frankfurt mit 10.000 Mitarbeitern residierenden Internationalen Bundes Jugendsozialwerk (IB) – einem Verein, der sich inzwischen für die berufliche Förderung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch für soziale Projekte wie Kindergärten und Altenheime bundesweit einsetzt.
Mit Beginn des Jahres 2008 wurde ich in den damals vierköpfigen Vorstand der Hans Rehn Stiftung berufen und am 29. Januar 2014 als geschäftsführendes Vorstandsmitglied in das beim Regierungspräsidium geführte Stiftungsregister eingetragen – satzungsmäßig alleinvertretungsberechtigt. Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten wurden mir – ohne mein Zutun – stets angetragen. Im Ruhestand könnte man ja sonst „einrosten“.

REHN MAGAZIN: Das klingt ja leicht nach Koketterie. Ohne innere Überzeugung wird es wohl nicht gegangen sein. Was waren die eigentlichen Motive für die Übernahme dieser Ehrenämter?

DR. NETH: Es ist eine Binsenweisheit, dass die Mitwirkung in einem Ehrenamt das eigene Ego stärkt. Man sammelt neue Erfahrungen, die der Horizonterweiterung dienen. Man schöpft aus vielfältigen Begegnungen Freude und Anerkennung. So lebte mit meinem Eintritt in die Hans Rehn Stiftung der Kontakt zu den Mitgliedern des Vorstands Dr. Thieringer, Dr. Dannecker und Dr. Muschel, wieder auf. Ein ganz starkes Motiv und wichtig für die Übernahme der Ehrenämter war für mich die bereits während meines Jurastudiums
wachsende Erkenntnis, dass sich eine freiheitliche, am Pluralismus orientierte Gesellschaft grundlegend von totalitären Systemen, wie der ehemaligen DDR, unterscheidet. Ein Staatsgebilde mit einem hohen Grad an differenzierter Übernahme von Verantwortung an der Basis, z. B. durch Selbsthilfegruppen, Vereine und Stiftungen jeder Art, war für mich dem Einheitsstaat gegenüber überlegen. In mannigfaltigen Aktionsfeldern, wie in Bereichen der Bildung, der Kultur, des Sozialen, der Gesundheit und Umwelt sowie des Sports- um nur einige Felder zu nennen – sind auf diese Weise „heilende“ Kräfte wirksam. Allein die Tatsache, dass in der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile 26.000 Stiftungen entstanden sind, beweist, wie wichtig und unentbehrlich solche Organisationen sind, wobei in vielen Fällen der Staat mit steuerlichen Anreizen hilft, zugleich aber auch von Aufgaben entlastet wird.

REHN MAGAZIN: Ihre geschäftsführende Tätigkeit – ein Erfolg?

DR. NETH: Das dürfen andere beurteilen. Man sollte diese Aufgabenwahrnehmung nicht überbewerten, doch vielleicht auch nicht geringschätzen. Die geschäftsführende Tätigkeit der relativ kleinen Hans Rehn Stiftung lässt sich allein vom Volumen her mit den hauptamtlich wahrgenommenen Aufgaben der großen Stiftungen, wie etwa der „Robert Bosch Stiftung“, der „VolkswagenStiftung“ oder „Bertelsmann Stiftung“, nicht vergleichen. Dennoch, es gibt vergleichbare Aufgaben. Der Verband Deutscher Stiftungen, bei dem die Hans Rehn Stiftung Mitglied ist, gibt oftmals wegweisende Hinweise über die Pflichten, die für große wie kleine Stiftungen immanent sind. So zum Beispiel mit der Edition der „Grundsätze guter Stiftungspraxis“, die einen klaren ethischen Orientierungsrahmen für effektives und uneigennütziges Stiftungshandeln gibt. Der Vorstand der Hans Rehn Stiftung hat sich in mehreren Sitzungen mit diesen Grundsätzen befasst und sich weitgehend diesen Vorgaben angeschlossen. Auch sind wir der Empfehlung gefolgt und haben Richtlinien beschlossen, die unsere Anlagestrategien konkretisieren.
Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass solche Richtlinien zwar Sicherheit geben sollen, wir uns jedoch inzwischen mehr und mehr mit den Auswirkungen der Zinspolitik, die zu erheblichen Einbußen führten und führen, beschäftigen. In jeder Sitzung sehen wir mit Argusaugen auf unser Portfolio, da die Situation auf den Kapitalmärkten zu Vermögensverlusten und zu Ertragsverlusten führt. Nicht alle Stiftungen haben diese Entwicklung überstanden und einige müssen zu einer „Verbrauchstiftung“ mutieren, das heißt binnen einer Zehnjahresfrist ihr Vermögen und damit die Stiftung abwickeln.
Oberstes Ziel ist die „Good Governance“. Der Vorstand hat mit mir immer am gleichen Strang gezogen. Dafür bin ich sehr dankbar.

REHN MAGAZIN: Die wirtschaftliche Unabhängigkeit, und somit den Fortbestand der Stiftung sicherzustellen, ist sicher eine große Verantwortung. Mit welchen Aufgaben haben Sie und der Vorstand sich außerdem beschäftigt?

DR. NETH: Die Stiftung wurde 1972 ins Leben gerufen. Nach fast 50 Jahren verlangt die neue Zeit Anpassungen, die zu neuen Aufgaben führen. Routine sind Buchhaltung, Erstellung des Wirtschaftsplans, Jahresberichte an das Regierungspräsidium Stuttgart als Stiftungsaufsicht. Neu hinzugekommen ist die Erstellung und Pflege einer Homepage, Meldungen an das Transparenzregister, die jährliche kostenpflichtige Beantragung der sog. LEI-Nr. zum „Legal Entity Identifier“ sowie die Immobilienverwaltung mit wachsenden administrativen Herausforderungen. Allein die Sanierung des früheren Wohnhauses des Stifters in Stuttgart – bedingt durch gesetzgeberische energetische Auflagen – unter Beteiligung der Mieter war strapaziös. Ein modernes Energiehaus mit hohem Finanzaufwand, ohne dass ein finanzieller Ausgleich durch die Mieter erreichbar war, zu schaffen, beanspruchte ein volles Jahr.

REHN MAGAZIN: Das sind sicher alles anspruchsvolle und notwendige Aufgaben. Klingt aber doch sehr weit weg von den Menschen, die im Hans Rehn Stift leben und arbeiten. Dabei habe ich den Vorstand der Stiftung so nie erlebt. Im Gegenteil, für mich waren Sie immer in der Einrichtung präsent und mit großem Interesse mit dem Wohl unserer Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen befasst. Ohne die finanziellen Zuwendungen der Hans Rehn Stiftung wäre so manche Optimierung in der Einrichtung nicht zustande gekommen. Nicht zuletzt hat auch das Rehn Magazin durch die teilweise Übernahme der Druckkosten in großem Umfang profitiert. Dafür zollen wir Ihnen hier im Haus großen Respekt und Dank.
War Ihnen der Name „Hans Rehn“ vor Ihrer Berufung in den Vorstand der Hans Rehn Stiftung vertraut?

DR. NETH: Der Name schon. Als ich dreizehn Jahre alt war, durfte man auf dem Gymnasium mit „Füller“ schreiben. Mein Auge fiel in der Stiftstraße in Stuttgart auf das Geschäftshaus „Hans Rehn“ mit einem längs der Fassade aufgebrachten Bild eines Montblanc Füllfederhalters. Den wollte ich haben, keinen anderen. Meine Mutter leistete wegen des hohen Kaufpreises Widerstand, aber am 17. November 1954 erhielt ich ihn zu meinem 14. Geburtstag. Ob dadurch meine Schulaufsätze besser wurden, hinterlässt Zweifel. In den Folgejahren rückte für mich der Name „Hans Rehn“ in den Hintergrund, weil ich in das Johannes-Kepler- Gymnasium in Bad Cannstatt zur Schule ging und meinen Schulbedarf dort deckte. Erst als ich in den Vorstand der Hans Rehn Stiftung berufen wurde, tauchte der Name blass in meinem Gedächtnis wieder auf. Mit der Lektüre des Buches von Wolfgang Kress über Hans Rehn hat sich das Bild über unseren Stifter abgerundet. Ich erkannte, welch großartige Persönlichkeit und welch trefflicher Unternehmergeist sich hinter Hans Rehn verbarg. Von seinen unternehmerischen Qualitäten zehren Stiftung und Stift auch 50 Jahre nach seinem Tode noch. Mich erfüllte mehr und mehr mit Stolz und Freude, Mitglied
des Vorstands der Stiftung zu sein, die seinen Namen trägt.

REHN MAGAZIN: In Ihrer Amtszeit als geschäftsführender Vorstand haben Sie großen Wert darauf gelegt, die Erinnerung an Hans Rehn aufrechtzuerhalten und zu pflegen – häufig auch durch eigene Beiträge im Rehn Magazin zu den unterschiedlichsten Anlässen. Ihre Wertschätzung für den Stifter war immer spürbar.

DR. NETH: Mit Bedacht hat die Landeshauptstadt Stuttgart dem testamentarischen Wunsch von Hans Rehn, sein Vermögen für alte Menschen in Stuttgart einzusetzen, die Gründung einer Stiftung, die seinen Namen trägt, gewählt. Mit dieser Namengebung sollte Hans Rehn im Gedächtnis bleiben. Mit der Übertragung des Stifts von der Stiftung auf die Landeshauptstadt Stuttgart im Jahr 2006 ging einher, dass sich die Stadt vertraglich verpflichtete, dem Stift keinen anderen Namen zu geben.
In der Satzung der Stiftung ist fest verankert, dass die Stiftung das Andenken des Stifters zu wahren und das Familiengrab Veit/Rehn auf dem Stuttgarter Waldfriedhof zu pflegen hat. Stiftung und Stift kommen diesem Memento stets nach, etwa mit Kranzniederlegungen zu besonderen Gedenktagen, Sanierung des Grabsteins im Jahr 2015 und durch gärtnerische
Pflege. Am Eingang des Stifts befindet sich eine Erinnerungs- Stele und am Eingang des Festsaals ein großes Porträt von Hans Rehn. Jährlich im Winter veranstalten Stift und Stiftung gemeinsam einen „Stifterkaffee“, der bei den Bewohnern großen Anklang findet.
Das Rehn Magazin ist Multiplikator allein schon mit seiner Namensgebung und seinen Veröffentlichungen, zuletzt mit einem Memorial zum 130. Geburtstag von Hans Rehn. Jüngst haben auch die Stuttgarter Zeitung und die Filderzeitung zum 130. Geburtstag mit unserer Assistenz eine Würdigung von Hans Rehn veröffentlicht. Auf Veranlassung des früheren Vorstandsmitglieds Dr. Rolf Thieringer hat die Stiftung in Verbindung mit dem Stadtarchiv Stuttgart das authentische Buch von Wolfgang Kress (mit dem Titel: Hans Rehn, Maßstäbe für die Zukunft-Leben- Stiftung-Stift) dotiert und herausgegeben.

REHN MAGAZIN: Sie haben es bereits eingangs anklingen lassen, Sie wissen Ihre Nachfolge in guten Händen?

DR. NETH: Bei meinem Nachfolger, Herrn Andreas Bouley, ist die Geschäftsführung in besten Händen. Der Hans Rehn Stiftung war er bisher beruflich verbunden. Er weiß um die Bewahrung des Erbes von Hans Rehn und die Sinnhaftigkeit eines ehrenamtlichen Engagements. Ich wünsche ihm eine erfolgreiche Zeit im Umgang mit dieser herausragenden Verantwortung zum Wohle von Stiftung und der Bewohner des Stifts und im Gedenken an unseren Stifter.

REHN MAGAZIN: Lieber Herr Dr. Neth, wir danken Ihnen für das Gespräch und vor allem für langjähriges und produktives Wirken im Vorstand der Hans Rehn Stiftung.

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